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Vier-Türme-Verlag Abtei Münsterschwarzach

Von der Hühner- zur Himmelsleiter

Entgrenzung mit Treppe: ein neues Domizil für Anselm Grüns Verlag im Kloster Münsterschwarzach

Im ersten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts ist die Benediktinerabtei Münsterschwarzach nahe Volkach beinahe ganz geschleift worden. Die Säkularisation hatte das Kloster, das um 780 von der dritten Gattin Karls des Großen als Frauenkloster gegründet worden sein soll, ruiniert. So wurde 1827 sogar die Basilika von Balthasar Neumann, dem genialen Schönborn-Architekten, nach einem Brand niedergelegt. Doch zwischen 1924 und 1938 konnte infolge der Neubegründung des Klosters der Würzburger Architekt Albert Boßlet mit stilistischen Anleihen bei der mittelrheinischen Romanik eine neue Kirche errichten, die später als Paradebeispiel der Monumentalisierung im katholischen Kirchenbau der dreißiger Jahre gelten sollte.

Geholfen hat die martialisch wirkende Architekturgeste nicht: Während des von Januar bis Juli 1941 tobenden „Klostersturms“ der Nationalsozialisten wurde die Abtei kurzerhand enteignet. Der „Hort katholischer Reaktion“ wurde zum Lazarett. Seit dem Ende der braunen Diktatur predigen dort die Benediktiner von Münsterschwarzach wieder das Wort Gottes und haben in ihrem Cellerar, Pater Anselm Grün, einen Theologen und Philosophen, der Religion und Welt in Sprache und Schrift zusammenbringt. Mit seinen in dreißig Sprachen übersetzten Büchern ist er oberdrein ein Bestsellerautor des klostereigenen Vier-Türme-Verlags.

Überhaupt dominieren in Münsterschwarzach die Früchte des Geistes – die Landwirtschaft wurde Zug um Zug aufgegeben. Der Verlag, der unter dem Signet der vier mächtigen Ecktürme der Abteikirche firmiert, ist vom historischen Kuhstall in den zweigeschossigen Hühnerstall von Münsterschwarzach umgezogen: Der Volkacher Architekt Reinhold Jäcklein hat dieses zweischenklige, im rechten Winkel zueinander und zu den Klosterwohntrakten angeordnete Ökonomiegebäude entkernt und umgestaltet. Ausstellungs- und Konferenzräume im Erdgeschoss sind mit einem langgezogenen liegenden Fenster zu einem kleinen Innenhof hin aufgelichtet, im Wittgensteinschen Sinne entgrenzt, die vormalige Hühnerleiter ins Obergeschoss wurde gegen eine zeitgenössische Metapher einer Himmelsleiter eingetauscht.

Wer als Besucher des Vier-Türme-Verlags von den mit Eichenholz, Parkett oder dunklem Marmor aus der Region und weißen Wänden gestalteten Ausstellungs- und Besprechungsräumen im Erdgeschoss in die Büros der Chefetage gelangen will, überwindet mit der vierten, der Setzstufe eines Podests, den leeren Raum zwischen „Erde und Himmel“, um dann auf der ersten Stufe jener „Himmelsleiter“ weiterzusteigen, die ihm mit der scheinbar vor der Raumdecke des Erdgeschosses schwebenden Treppenkonstruktion aus dem Obergeschoss entgegenkommt. Nur der Handlauf stößt über den entgrenzten Übergang von unten nach oben hinaus und gebärdet sich so wie ein Handreich des Kosmischen ins Irdische.

Projektdaten

Bauherr:
Vier-Türme Verlag Abtei Münsterschwarzach

Mitarbeit:
Harald Noll

Fotos: Stefan Meyer

Text: Rüdiger Klein, Bamberg

Auszeichnungen:
Architektouren 2007
KunstRäume-RaumKunst 2007/2008