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Evangelisches Gemeindezentrum Gerolzhofen

Mit Offenheit und Gastfreundlichkeit in die Zielgerade zur Lutherdekade.
Sanierung der Erlöserkirche und Neubau eines Gemeindehauses

Das Städtchen Gerolzhofen am Fuße des Steigerwaldes hat sich trotz der räumlichen Nähe zur Industrie- und Kulturmetropole Schweinfurt bis heute als kleinstädtisches Mittelzentrum behaupten können. Das umfangreich erhaltene historische Stadtgesicht wird noch immer von der ringförmigen Stadtumwallung beherrscht. Darin streckt sich, wie sollte es im Fränkischen auch anders sein, die im Kern gotische Pfarrkirche St. Maria Rosario und St. Regiswaldis mit schlanken Flankentürmen sinnbildhaft dem Himmel entgegen.
Eher einer bescheidenen Vorstadtschönheit gleicht dagegen die evangelische Erlöserkirche am nordwestlichen Stadtrand. In Sichtweite des mit massigen Rundtürmen besetzten zweiten Mauerrings um Gerolzhofen errichtete die kleine evangelische Gemeinde vor 90 Jahren einen schmucklosen Standsteinquaderbau mit polygonalem Chorschluss und schiefergetäfeltem Dachreiter im Heimatstil.

In den vergangenen Jahrzehnten ist die Gemeindegliederzahl nicht nur beachtlich angewachsen, auch das bestehende Gemeindehaus, dessen Sanierung lange schon anstand, erwies sich zuletzt funktional, technisch und gestalterisch in einem derart bedauernswerten Zustand, dass man sich nach reiflicher Überlegung und intensiver Kostenberechnung für einen Neubau entschieden hat.
Im Jahre 2012 konnte nun das Architekturbüro Jäcklein den grundlegend sanierten Kirchensaal und den Neubau eines Gemeindehauses an die Gemeindeglieder und die Gemeindepfarrer übergeben. Und der vormals unscheinbare Trabant am Stadtrand schwingt sich derweil zum gesuchten vorstädtischen Zentrum auf.
Die neue Ausrichtung der evangelisch-lutherischen Gemeinde in die Öffentlichkeit hinein spiegelt sich in der offenen Architektur des Neubaus ebenso wieder wie in der radikalen Neuordnung des historischen Bestands.
An Stelle des Gemeindehauses aus den 1960er Jahren errichteten die Architekten über einem unregelmäßigen Rechteck einen in den öffentlichen Raum vorstoßenden Gebäudekubus, der mit einem großzügigen Foyer an das Kirchenschiff andockt.

Die Nordflanke des Kirchensaales wurde dafür bis über die Höhe der dort ursprünglich eingestellten Empore hinaus geöffnet. Das Licht durchflutete Foyer verbindet die Kirche und den neuen Gemeindesaal und kann von Fall zu Fall für sakrale oder für profane Zwecke genutzt werden. Der Gemeindesaal selbst öffnet sich nun mit einem großflächigen Blumenfenster, eine Reminiszenz an die Architektur der 60er Jahre, zur Straße hin.
Im Obergeschoss des Gemeindesaales erlaubt ein über dem Foyer schwebender Balkon weiteren Gästen die Teilnahme an Gottesdiensten in der Erlöserkirche, einem Gruppenraum im Obergeschoss wurde eine kleine Dachterrasse hinzugewonnen und ein Jugendgruppenraum wagt gar einen Ausfallschritt aus der Bauflucht. Verhindert wird damit, dass des Pfarrers Garten immerfort im Auge jugendlicher Betrachter liegt.
Für die Möglichkeit, neue Wege in der Gemeindearbeit und im Gottesdienst zu beschreiten, wie sie der Neubau jetzt erlaubt, musste die Gemeinde allerdings eine Kehrtwende um 90 Grad wagen, eben eine Hinwendung zur Stadt, zur politischen Gemeinde.

Immerhin wurde die Ostung der Erlöserkirche aufgehoben und die jetzt mobilen Prinzipalien erheben sich nun vor der südlichen Stirnwand des reinweiß gefassten Kirchensaals. Das Foyer des sandfarben geschlämmten Neubaus lässt sich unproblematisch dem Kirchensaal zuschlagen und teils recht überraschende Nutzungsideen für den Sakralraum und die profanen Anbauten stellen sich da beinahe von selbst ein. Die Belichtung von Neubau und purifiziertem Kirchensaal erfolgt im Wesentlichen durch gleichmäßiges Nordlicht, das durch das neue Glasdach über dem Foyer in alle anliegenden Räume einfließt.

So wundert es nicht, dass die Gerolzhöfer mit einem Mal die Stadtrandlage wiederentdecken und sich die evangelische Erlöserkirche mit dem neuen Gemeindezentrum als Veranstaltungsort für Seminare, Tagungen, Meetings und zuletzt auch mit Public Viewing einer nie dagewesenen Beliebtheit erfreut. Die Stadt hat vor dem Zugang zu Kirche und Gemeindezentrum, der einladend und beredt vom Künstler Christian Hörl gestaltet wurde, sogar einen Platz spendiert, der sich dem flüchtigen Passanten anziehend in den Weg legt. Verweile doch bei diesem Anblick, er ist so schön, flüstert’s da unterm Kirschbaum und man will unweigerlich entziffern, was Hörl auf die gläserne Eingangsfront hat aufdrucken lassen. Sätze von der Liebe sind das, vom Zweifel und vom Werden und Vergehen – mithin wieder das Kerngeschäft der christlichen Kirchen.

Projektdaten

Bauherr
Evangelisch-Lutherische Kirchenstiftung
Gerolzhofen

Nutzfläche: 500m²

Bruttorauminhalt
Neubau Gemeindehaus: 1400m³
Umbau Kirche: 1365m³

Mitarbeit:
Gerhard Schmidt
Stella Tan
Christian Kern

Bauzeit:
September 2010 bis Januar 2012

Energie, Technik:
Regenerative Fernwärme
Innendämmung Kirche
Kirchenfenster mit Wärmeschutzverglasung

Fotos:
Stefan Meyer, Berlin

Text:
Rüdiger Klein, Bamberg

Auszeichnungen:
Architektouren 2012