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Dienstleistungszentrum Iphofen – die „Alte Schule“

Zutritt erwünscht

Das historistische Schulhaus, dessen Attikazone und Walmdach vollständig erneuert werden mussten, durfte seine großzügige Treppenanlage behalten, auf die man stößt, wenn man den im Süden des Gebäude-Ls angeordneten Haupteingang in die heutige Stadtverwaltung nimmt. Das Trottoire ist hier zu einem charmanten kleinen Platz erweitert.

Der international renommierte Glas-Künstler Reiner John hat zudem eine schlanke Glas-Stele vor den Haupteingang des Verwaltungsbaus gestellt, die nicht nur künstlerisch gestaltete Einladung mit Ausrufzeichen für die Bürger der Stadt sein soll. Johns Stele korrespondiert außerdem mit den stark abstrahierten Bildmotiven von Weingärten, Rebzeilen und Weinlaub, die der Glas-Künstler in die riesigen Glasflächen vor der neuen Tourist-Information eingeschlossen hat. Der Weingarten ist ihm auch Bildmotiv bei den großen Seitenportalen des Verwaltungsgebäudes entlang des Kirchplatzes und natürlich flankiert ein mehrere Meter hohes Glaspaneel auch den Haupteingang zum ehemaligen Schulhaus selbst.

Das Ehrfurcht einflößende Dunkel des grünen Sandsteins, das der Werksteinfassade des historistischen Schulgebäudes vormals eine eher abweisende Strenge verleihen mochte, haben die Architekten mit einem hellen Anstrich übergangen, Faschen und Gesimse sind davon nochmals heller abgesetzt. Diese Aufhellung der ehemals finsteren Miene von Schule und späterer Stadtverwaltung spricht Bände: Eine demokratische Bürgergesellschaft liebt eben helle, klare und heitere Farben.

Die Treppenbrüstungen mit den versenkten Handläufen, die Türlaibungen und Türblätter und die Lamperien, die die Flure im Inneren des sanierten Schulhauses begleiten, sind aus Eichenholz gefertigt. Sie wecken beim Parteiverkehr im Haus vielleicht die eine oder andere wohlige Erinnerung an längst vergangene Schülerjahre und sie signalisieren auch ein wenig die durchaus schätzenswerte Solidität der bayerisch-fränkischen Bürokratie. Das Roteichen-Holz für die Ausstattung der Repräsentationsräume wurde selbstverständlich im Iphöfer Stadtwald geschlagen.

Reben wachsen ins Haus

In den großzügigen Foyers vor den einzelnen Amtsbereichen zeigt Reiner John Glasbildkunst der europäischen Extraklasse. Ein Vexierspiel mit der Wahrnehmung treibt er da. Die dort installierten großformatigen Glasbilder bestehen aus einer Siebdruckbildschicht, deren Motive John aus Fotografien montierte, die er bei ausgedehnten Spaziergängen in den Weinbergen eingefangen hat, und aus einer dagegen gepressten Glasplatte, deren Oberfläche der Künstler mit Spionverspiegelung hat spattern lassen. Hier sind die Behördenbesucher tatsächlich im Bilde, sobald sie hinzutreten.
Auch das, die baubegleitende Kunst Johns, ist ein Ausweis für die Kunstsinnigkeit Iphofens und dafür, dass in dieser Stadt gute Kunst, Architektur und Stadtbaukunst zur Daseinsvorsorge ganz selbstverständlich mit dazugehören.
(Textauszug)

Projektdaten

Bauherr:
Stadt Iphofen

Nutzungen:
Alte Schule: Stadtverwaltung Iphofen und Verwaltungsgemeinschaft
Sockelgeschoss alte Schule Südseite: Friseur, Metzger, Schuhmacher
Gewölbekeller bei Kirchplatz: Fotoatelier
Neubau Pfarrgasse: Bibliothek
Torhaus: Weinverkauf (privat)
Unterkellerung Platz und Bibliothek: Historisches Archiv
Verbindungsbau: Touristinfo, OG: Büros
Neubau Kirchplatz: Buchladen, Kosmetikstudio, Büros (OG)

Nutzfläche: 2.870m²

Bruttorauminhalt: 17.840m³

Planung:
Arbeitsgemeinschaft
Böhm + Kuhn Architekten, Architektur Büro Jäcklein

gemeinsam gewonnenes VOF – Verfahren mit Vorkonzept: AG Böhm + Kuhn Architekten, AB Jäcklein
Vorentwurf alte Schule: Büro Böhm und Kuhn
Vorentwurf restl. Gebäude, Einrichtung der städtische genutzten Gebäude und Überarbeitung alte Schule, Freianlagen: AB Jäcklein
Entwurf bis Ausführungsplanung Gebäude, Einrichtung, Freianlagen: AB Jäcklein
Ausschreibung, Bauleitung Gebäude: Böhm + Kuhn Architekten
Ausschreibung, Bauleitung Freianlagen, Einrichtung: AB Jäcklein (Freianlagen mit Auktor Ingenieure)

Fachplanung:
Sicherheitskoordination: Böhm und Kuhn Architekten
Energiekonzept: Architektur Büro Jäcklein
Glasfassaden: Christopher Rathmann
HLS: Rosel Ingenieure
Elektrotechnik: Ing. Durner
Tragwerksplanung: WSP Ingenieure
Brandschutzkonzept: Dr Hagen Ing.
Städtebauliche Beratung: Hartmut Schließer, München

Bearbeitung im AB Jäcklein:
Stefan Schrauth
Julia Roth
Sebastian Sterk

Bauzeit:
Beginn Abbruch: Oktober 2012
Baubeginn: Februar 2013
Fertigstellung: Mai 2015

Kunst:
Reiner John, Althegnenberg

Fotos:
Ralf Dieter Bischoff, Nürnberg
Gerhard Hagen, Bamberg

Text: Rüdiger Klein, Bamberg

Veröffentlichungen:
Deutsches Architektenblatt, 09/2016
Mainpost, 05/2015

Auszeichnungen:
Architektouren 2016